Was war noch das Ziel der Bologna-Reform? Studenten sollen kompetent die Uni verlassen. Doch dafür braucht es mehr als sture Paukerei, meint der ehemalige Hochschulrektor Wolf Wagner. In einem Essay fordert er: Verlängert das Studium, gebt Studenten Zeit zum verrückten Denken!
Kreativität besteht aus zwei Komponenten. Es braucht das verrückte Denken, assoziativ, fehlerfreundlich, Regeln missachtend. Das ist die eine Komponente. Die andere ist das exakte Denken, das die Ergebnisse des verrückten Denkens überprüft. Erst aus der Kombination beider kann Neues entstehen.
Das exakte Denken ist im deutschen Bildungssystem hervorragend vertreten. In den neuen Bachelor-Studiengängen feiert es aber geradezu Exzesse, mit einem Wust von erforderlichem Fachwissen in einer kaum zu bewältigenden Fülle von Pflichtveranstaltungen und Klausuren. Was fehlt, ist das institutionell verankerte verrückte Denken.
Dass es nicht da ist, liegt nicht allein an den gestuften Studienabschlüssen Bachelor und Master. Das verrückte Denken hat es von jeher schwer, eine alte Krankheit im deutschen Hochschulwesen. Ein Bildungsbegriff hat sich durchgesetzt, nach dem sich Bildung durch möglichst umfassendes Allgemeinwissen und exzellentes Fachwissen beweist.
Das war nicht so geplant. Dem Vordenker der modernen Universität in Deutschland, Wilhelm von Humboldt, ging es vor rund 200 Jahren vor allem um Können, nicht um Wissen. Wissen war gefragt, um Können zu ermöglichen.
Wissen als Mittel zur kreativen Problemlösung
Heutzutage stopfen die einzelnen Fachvertreter in bester Absicht das aus ihrer Sicht unverzichtbare Fachwissen in die Studienordnungen, nach der Abschaffung des Diploms nun eben in den viel kürzeren Bachelor. Und die deutsche Professorenschaft macht in ihrer weit überwiegenden Mehrheit einfach das weiter, was sie schon immer gemacht hat: Wissen eintrichtern und abprüfen.
Dieses Dilemma lässt sich nur auflösen, wenn man wie Humboldt das Fachwissen nicht als Ziel, sondern als Mittel behandelt – ein Mittel zur kreativen Problemlösung. Das war eigentlich der Plan der Bologna-Reform: Kompetenzen, Handlungsfähigkeit sollten Ziel und Zentrum des Studiums sein. Aus diesem Umdenken ließe sich eine Reform des Hochschulsystems an Haupt und Gliedern, in Studium und Institution, begründen.
Im Studium sollten die Hochschulen den Vorschlag der Politik aufgreifen und den Bachelor um ein Jahr auf vier Jahre verlängern. Damit würde man zugleich mit den meisten Ländern der Welt, unter anderen mit den USA, gleichziehen. Das zusätzliche Jahr müsste aber als Kreativzeit auf alle Semester verteilt und vor Übergriffen durch die Ansprüche des Fachwissens geschützt werden.
Unterrichtsstruktur umstellen und Macht der Professoren eingrenzen
Die Kreativzeit könnte so aussehen: Das erste Semester wird der Erkundung gewidmet. Die Studentinnen und Studenten schwärmen in kleinen Gruppen aus und besuchen die Veranstaltungen anderer Fächer. Dort erkunden sie – wie Ethnologen, die fremde Stämme erforschen – in teilnehmender Beobachtung die Fachkulturen. Zugleich überprüfen sie die eigene Fachwahl.
Ab dem zweiten Semester müssten im jeweiligen Fach neben dem unverzichtbaren Pauken der Grundlagen Projektveranstaltungen angeboten werden. In ihnen sollte in parallelen Gruppen, also nicht arbeitsteilig, eine im Fach bereits gelöste Forschungsaufgabe selbständig in forschendem Lernen neu gelöst werden, mit von Semester zu Semester wachsender Komplexität. Zudem müssten alle Studierenden ab der Mitte ihres Studiums einen wachsenden Freiraum für selbstbestimmte Fachprojekte bekommen, aus denen die Abschlussarbeiten hervorgehen.
Löste die Professorenblockade!
Institutionell ergäben sich aus dieser Umstellung eine Reihe von zwingenden strukturellen Veränderungen: Wenn man die Lehre von der Wissensvermittlung auf die Einübung selbständiger und kreativer Handlungskompetenz umstellt, müsste statt der Anzahl der Lehrstunden der Aufwand bei Projekten Maßstab für die Leistung der Professoren werden. Gute Arbeit hierbei müsste für die Professoren zu Gehaltssteigerungen führen und ähnlich mit Zusatzpersonal und Chancen für Reputationsgewinn ausgestattet werden wie Erfolge in der Forschung.
Vor allem aber müsste die Macht der Professorenschaft eingegrenzt werden. Nach den humboldtschen Reformen vor 200 Jahren wurden die Universitäten in den Privatbesitz der Professoren gegeben. Seither haben diese mit ihrer Blockademehrheit in allen Gremien und ihrer Verfügungsmacht in Lehre, Prüfung und Forschung jede Reform verhindert, die ihr Besitzrecht in Frage gestellt hätte.
Wagner, 65, ist Professor im Ruhestand. Er lehrte Sozialwissenschaften an der Fachhochschule Erfurt, der er auch mehrere Jahre als Rektor vorstand. Soeben erschien sein Buch “Tatort Universität. Vom Versagen deutscher Hochschulen und ihrer Rettung”. Klett-Cotta, Stuttgart; 188 Seiten;
http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,690837,00.html










derwin
auch lesenswert: http://www.taz.de/1/zukunft/schwerpunkt-uni/artik...
3. Mai 2010 um 15:45